15 Minuten Regen, eine handvoll Blitze und ein wenig Wind; oder was es braucht, um die Bahn in die Knie zu zwingen

Gestern war es also mal wieder so weit. Ein Unwetter ist über NRW hinweg gezogen und hat uns gegen 12 Uhr im Bereich Duisburg, Oberhausen, Mülheim und Essen für ca 15 Minuten ein Hitzegewitter mit ein bissel Wind bescherrt.
Also mal wieder mehr als genug für die Deutsche Bahn, um völlig in die Knie zu gehen. Und ich war natürlich mal wieder mitten drin und durfte wieder einmal eine Reihe lustiger Erlebnisse sammeln.

Als ich gegen 12 am Hbf in Mülheim an der Ruhr ankam, stand die S1 in Richtung Dortmund mit ca 25 Minuten Verspätung angeschlagen. Jedoch gab es noch während ich wartete die Durchsage, dass der Bahnverkehr aller Züge zwischen Duisburg, Oberhausen und Essen zum Erliegen gekommen sei und es von daher zu erheblichen Verspätungen und Zugausfällen kommen werde. -Wie sich noch zeigen würde, war dies noch ziemlich geschönt.

Auf direkte Nachfrage teilte mir der Mitarbeiter der Bahn mit, dass ein Blitz im Stellwerk in MH Styrum eingeschlagen sei (wenn ich den Angaben der Bahn immer glauben würde, müßte ich jetzt attestieren, dass es dieses Stellwerk also nun bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr geschafft hat, vom Blitz getroffen zu werden. Die Mathematische Wahrscheinlichkeit dafür möchte ich der Bahn mal lieber nicht vorrechnen.). Außerdem seien mehrere Bäume umgefallen, die die Oberleitungen im Raum Styrum komplett abgerissen hätten. Darüber hinaus sei der Bahnhof in Essen zur Gänze ohne Strom.
Also waren mal wieder alle nötigen Zutaten für eine endlose Odyssee mit der Bahn beisammen.
Da mir der freundliche Mitarbeiter noch mitteilte, dass von und über Mülheim auf jeden Fall für Stunden nichts mehr fahren würde, entschloß ich mich dazu, mit der 901 nach Duisburg zu fahren und mein Glück von da aus zu versuchen, da von dort aus ja mehr Verbindungen nach Dortmund bestehen. Hierbei hatte ich dann Glück, dass ich eine der letzten Straßenbahnen erwicht habe, die noch von Mülheim nach Duisburg gefahren sind, bevor auch dort der Betrieb eingestellt wurde.

Bevor ich jedoch die Reise in Richtung Duisburg angetreten bin, habe ich noch schnell einen entsprechenden Tweet auf Twitter abgesetzt, woraufhin mir auch direkt so ein Aasgeier Reporter der Bild auf den Senkel ging, was ich natürlich abschlägig beantwortet habe. Lustiger Weise, ohne weitere Reaktion.

In Duisburg angekommen stellte ich ersteinmal fest, dass hier auch nichts ging und habe mich ersteinmal bei dem Fahrer der S1 über den Stand der Dinge erkundigt. Dieser zuckte nur die Schultern und erklärte mir, dass er selber auch nichts wisse und er mir lediglich sagen könne, dass hier die nächsten Stunden nichts mehr geht.
Und damit sollte er verdammt nochmal Recht behalten. Schließlich sollte ich den Fahrer ca 3 Stunden später immer noch an der selben Stelle stehend wieder sehen.
So beschloß ich aber zunächst einmal mich am Servicepoint zu informieren, ob denn wohl an einen Schienenersatzverkehr gedacht sei. – Ein Vorhaben, welches ich ob des Anblicks der Warteschlage quer durch die Bahnhofshalle und nach draußen dann doch wieder begraben habe. Stattdessen habe ich mich lieber ein wenig nach draußen gesetzt, mir eine geraucht und mit der Gelassenheit eines seit Jahren leidgeprüften Pendlers beobachtet, wie sich die armen, selber nur schlecht informierten Mitarbeiter der Bahn vorm Bahnhof von Leuten, die wahrscheinlich nur ein oder zwei Mal im Jahr die Bahn benutzen haben anbrüllen lassen. Dabei waren diese Mitarbeiter reglich darum bemüht, freundlich zu bleiben und selber irgendwie an Informationen zu kommen.

Derweil bildeten sich die ersten Gruppen, die sich ein Taxi teilen wollten. Da sich jedoch niemand fand, der bereit war, mit dem Taxi nach Dortmund zu fahren blieb mir nichts weiter übrig als zu warten und via iPoddas aktuelle Album von Dream Theater “Black Clouds & Silver Linings”zu hören.

Nach ein paar Stunden hatte die Deutsche Bahn dann tatsächlich einen Schienenersatzverkehr organisiert. Allerdings lediglich nach Emmerich. Etwas, das mir nun wirklich überhaupt nichts gebracht hat und bei mir lediglich die Frage ausgelöst hat, weshalb man keinen Ersatzverkehr zu den wichtigen Bahnhöfen der Region organisiert hat, anstatt ausgerechnet nach Emmerich.
Naja, nach einer ganzen Weile des Wartens und einer kleinen Zwischenmahlzeit entschloß ich mich dazu, mein Glück nochmals am Bahnsteig zu versuchen. Zumal mir langsam doch arg warm wurde und ich mich nach einer klimatisierten Bahn sehnte, damit das Warten wenigstens etwas erträglicher wäre.
Dort am Bahnsteig traf ich dann auf den selben Zugführer der S1, der dort auch bereits vor drei Stunden stand und der immer noch geduldig Antworten gab, auch wenn er zumeist einfach nur sagen konnte, dass er selber keine Informationen bekommen habe und in der Leitstelle auch niemand seine Anrufe annehme.
Besonders schön war es für mich zu sehen, dass er bei dem Ganzen seinen Humor nicht verloren hatte. So fragten 2 Fahrgäste entnervt nach einer Verbindung in Richtung Essen. Woraufhin er erwiderte, dass von hieraus defenitiv noch auf lange Zeit nichts Richtung Essen gehe. Nebenan aber ein Zug in Richtung Oberhausen wohl bald abfahren werde. Als die Fahrgäste erwiderten, dass von Oberhausen doch auch nichts in Richtung Essen fahre, sagte er nur noch, dass er dazu keine Informationen habe. Er könne halt nur sagen, dass von Duisburg aus defenitiv nichts fahre und sie es von Oberhausen aus ja zumindest würden versuchen können. Dann setzte er noch hinzu: “Und wenn von Oberhausen auch nichts fährt, dann gehen Sie halt ins Sealife und hauen diesem Paul ein paar aufs Maul.” – Eine Bemerkung die zur Erheiterung aller deutlich beitrug.

Nachdem ich dann noch eine ganze Weile in Duisburg festhing, hieß es schließlich, dass der RE6 nun weiterfahren würde und dabei die normale Strecke nehmen würde. Also nichts wie rein in den Zug und ab nach Dortmund. Zumindest fast. Denn in Essen am Hbf war dann erstmal wieder Ende, da man dort dann festgestellt hat, dass der vor dem RE liegende Streckenabschnitt dann doch noch nicht von den umgestürtzten Bäumen befreit war….

Nach einer ganzen Weile des Wartens hieß es dann, dass der RE1 am anderen Ende des Bahnhofs nun weiterfahren werde. Ziemlich viele Fahrgäste machten sich daraufhin auf den Weg. Ein Unterfangen, dass ich ob des geschienten Knöchels vergessen konnte. Somit durfte ich nun miterleben, wie der Zugbegleiter zu der Rollstuhlfahrerin, welche auch gerne umgestiegen wäre sagte, dass sie es doch eh nicht mehr rechtzeitig schaffen würde und er ihr damit das Ausklappen der Rampe verweigerte. Für mich persönlich der absolute Megafail des Tages seitens der Bahn. Zumal sich dieses Schauspiel nochmals wiederholen sollte und der Zugbegleiter der Rollstuhlfahrerin erst aus dem Zug half, als klar war, dass der RE6 nicht mehr weiterfährt und stattdessen abgestellt wird. -Ich möchte gar nicht wissen, wie lange die arme Dame noch in Essen am Bahnhof festhing.

Naja für mich jedenfalls ging es nach einer Weile mit einem ICE nach Berlin weiter in Richtung Dortmund. Dieser war hoffnungslos überfüllt und brachte es auch locker mal auf beinahe 40 Grad Innentemperatur. Ein Umstand, der mir ob der Tatsache, dass es endlich wieder weiter ging ziemlich egal war. Auch wenn ich trotzdem zugeben muss, dass ich mich in diesem Glutofen ein wenig nach einem Handventilator gesehnt habe.
Mein persönliches Highlight im überfüllten ICE war jedoch die kleine Oma, die ich mal locker auf Mitte 70 schätzen würde, die sich durch den überfüllten Gang gekämpft hat, indem sie sämtliche Fahrgäste, mich eingschlossen, einfach bei Seite geschubst hat. Von der Dame neben mir gefragt, wo um alles in der Welt sie denn nun unbedingt hin wolle, bellte sie nur ein rabiates “Auf meinen Platz” und setze anschließend ihr lustiges Hindernisse äh Fahrgäste-bei-Seite-Pogen unbeirrt fort. In ihrem Gefolge war dann übrigens noch die Zugbegleiterin, die der alten Dame ihr Bier hinterher trug und uns alle leicht schulterzuckend und entschuldigend ansah.

Ab Bochum hatte ich dann ein wenig Glück, konnte ich doch in den wesentlich besser klimatisierten Wagon aufrücken und hatte somit wenigstens noch eine erträgliche Fahrt bis Dortmund. Dort angekommen musste ich feststellen, dass die Bahn auf der Linie der S1 noch immer keinen Strom hatte und ich insofern innerstädtisch würde versuchen müssen zur Uni zu kommen um das Buch in der Bib abzugeben, wegen dem ich mich ja überhaupt erst auf diese ach so tolle Reise begeben habe.

Nachdem ich alles in allem dann für eine Fahrt, die normalerweise 45 Minuten dauert rund sieben Stunden und 40 Minuten gebraucht habe, kam ich 20 Minuten zu spät an der Bib an, so dass ich das Buch erst heute zurück geben konnte und insofern gleich auch noch 2 Euro wegen Überziehung blechen durfte. Und ehrlich gesagt juckt et mir in den Fingern, dies der Bahn in Rechnung zu stellen.
Denn so sehr das Ganze gestern (vermeintlich) höhere Gewalt war und so sehr ich alles in allem die Mitarbeiter der Bahn loben muss, die in dem ganzen Chaos wirklich freundlich und bemüht waren, egal wie sehr sie sich haben beschimpfen lassen müssen, so wenig sehe ich ein, nun auch noch die Folgekosten für diese Fehlleistung der Bahn zu tragen.

Aber eigentlich auch wieder egal. Ich für meinen Teil freu mich jetzt erstmal, dass ich das Chaos gestern überstanden habe und bin mal gespannt, wann der Bahnverkehr im Ruhrgebiet das nächste Mal völlig zusammenbricht. Lange wird es wahrscheinlich nicht dauern. Denn als leidgeplagter jahrelanger Pendler weiß ich nur zu gut: “Der größte Feind der Bahn sind noch immer: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.”

Oder wie ein älterer Herr im überfüllten ICE zum Besten gab: “Früher waren die Zugverbindungen besser. Und das trotz Bombenschäden.” … In diesem Sinne…

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3 thoughts on “15 Minuten Regen, eine handvoll Blitze und ein wenig Wind; oder was es braucht, um die Bahn in die Knie zu zwingen

  1. Pingback: Nun ist er online. Mein ausführlicher Be… « Weblog von Björn (Manfred) Kraus

  2. Das sind sehr krasse Erlebnisse, um die ich Dich nicht beneide, aber ich muss da etwas kritisieren: Du klingst ganz schön arrogant Du tust ja geradeso, als ob die Bahn absichtlich nicht gefahren ist. Und wo das Problem sein soll, das en Blitz an einem Ort zweimal einschlagen soll, verstehe ich auch nicht ganz: Das hat wenig mit Statistik zu tun sondern auch mit Ort und Umgebung des Objektes, in dem er einschlägt. SO unwahrscheinlich ist das nicht. Aber ich halte dir zugute, das wohl viele nach so einer Odyssee ähnlich reagieren würde wie du.
    Bei einer Sache widersprichst du dir mMn: “Denn so sehr das Ganze gestern (vermeintlich) höhere Denn so sehr das Ganze gestern (vermeintlich) höhere Gewalt war und so sehr ich alles in allem die Mitarbeiter der Bahn loben muss, die in dem ganzen Chaos wirklich freundlich und bemüht waren, egal wie sehr sie sich haben beschimpfen lassen müssen, so wenig sehe ich ein, nun auch noch die Folgekosten für diese Fehlleistung der Bahn zu tragen.Gewalt war und so sehr ich alles in allem die Mitarbeiter der Bahn loben muss, die in dem ganzen Chaos wirklich freundlich und bemüht waren, egal wie sehr sie sich haben beschimpfen lassen müssen, so wenig sehe ich ein, nun auch noch die Folgekosten für diese Fehlleistung der Bahn zu tragen.” War es nun eine Fehlleistung der Bahn oder höhere Gewalt, was zu den Zuständen führte.

    Was wohl eine brennende Diskussion wert wäre, wäre die Technisierung der modernen Bahn. Elektronische Stellwerke, hochmoderne Züge, Streckenumbauten mit weniger Redundanz als vorher. Das bietet im Idealfall alles sicherlich Vorteile, aber in Extremsituationen wie diesen zeigt sich, was für Schattenseiten eine hochcomputerisierte Bahn hat. Alte S-Bahnzüge (in Berlin fuhren sie bis zu 75 Jahre lang) fahren auch im Winter, da sie keine Mikroelektronik haben, die damit nicht klarkommt. Und bei einer alten Diesellok kann kein Bordcomputer abstürzen, sondern höchstens mal ein Steuerventil zufrieren. Ich wage zu behaupten, das die Osteuropäischen Bahnen wohl wesentlich weniger PRobleme mit dem Wetter haben dürften, als unsere Bahnen.
    Besten Beispiel düften wohl die alten, umklimatisierten Reisezugwagen sein, welche allerdings weit zu öffnende Fenster hatten. In solchen Situationen ist das wohl jeder Klimaanlage überlegen…

    • Ok, zunächst einmal danke für diesen ausführlichen Kommentar.

      Und um da nun der Reihe nach Stellung zu zu nehmen: Ja, es war höhere Gewalt, für die die Bahn nichts kann. Deswegen habe ich mich auch bemüht, den Artikel ein wenig ironisch und mit einem Augenzwinkern zu schreiben. Wenn das nun arrogant wirkt, kann ich versichern, dass dies nicht meine Absicht war, sondern eher Teil meiner Art von Humor ist. Vieles ist nicht so bitter böse gemeint, wie es klingt.

      Insofern mache ich der Bahn auch wirklich keine Vorwürfe, dass der Verkehr zum erliegen gekommen ist. Absolut nicht.
      Was für mich jedoch mal wieder eine völlige Fehlleistung der Bahn ist, ist die miserable Informationspolitik. Wie im Artikel geschildert, wurden selbst die Lockführer nicht informiert und wurden ihre Nachfragen entweder gar nicht erst angenommen, bzw. blieben unbeantwortet. Als Fahrgast bin ich es ja gewöhnt von der Bahn nicht ansatzweise informiert zu werden. Wenn man aber selbst das eigene Personal dumm am Gleis stehen lässt, dann ist das für mich eine Fehlleistung, die sich auch nicht mit dem Wetter erklären lässt.

      Genauso war es nicht gerade ein Glanzstück, den RE6 von Duisburg aus los zu schicken und anzusagen, er würde die normale Route bis zum Ende fahren, nur um dann in Essen fest zu stellen, dass man ja noch die Bäume auf der Strecke liegen hat.
      Da kann man ja schon fast froh sein, dass die das gemerkt haben, bevor ein Zug drüber gefahren ist.

      Auch werde ich nie verstehen, weshalb die Bahn es nie schafft, die ja nach wie vor an vielen Hauptbahnhöfen vorhandenen Diesellocks auf die Strecke zu bringen. Das sowas nicht sofort geht, ist mir klar, aber nach mehreren Stunden, sollten doch zumindest einzelne einsatzbereit sein und wieder eine Grundversorgung bieten.

      Und der Grund, weshalb ich vor das höhere Gewalt noch ein vermeintlich in Klammern gesetzt habe ist der, dass die Bahn sich schon lange den Vorwurf gefallen lassen muss, die Grünflächen neben den Gleisen zu vernachlässigen und kranke Bäume einfach stehen zu lassen. Und in der Regel sind es nunmal diese Bäume, die dann bei solchem Wetter immer wieder auf die Gleise fallen und die Oberleitungen beschädigen.

      Und was die letzten Anmerkungen deines Kommentars anbelangt, so kann ich dir nur Recht geben. Die alten IC-Züge aus den Siebzigern sind ja heute noch im Einsatz und fahren relativ zuverlässig. Da können die modernen ICE-Züge bei weitem nicht mithalten.

      Und die Tatsache, dass ich in dem Artikel teilweise etwas arg sarkastisch werde, liegt auch darin begründet, dass ich innerhalb weniger Jahre nun schon des öfteren solche Totalausfälle habe ertragen müssen. Irgendwann reicht es einem halt, wenn man sieht, dass es immer wieder die selben Probleme sind, die den Verkehr zum erliegen bringen.

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